Srebrenica – Ort des Schreckens – Sinnbild der Verletzlichkeit des Westbalkans

  • 15.06.2026

Beitrag von Jörgen Erik Klußmann; dies ist eine Seite der Evangelischen Akademie im Rheinland.

Potočari bei Srebrenica im serbischen Teil von Bosnien-Herzegowina
Wir befinden uns in Potočari bei Srebrenica im serbischen Teil Bosnien-Herzegowina, der Republik Srpska. Srebrenica steht für einen Ort des Schreckens. Hier liegen die Opfer des schwersten Kriegsverbrechens nach dem 2. Weltkrieg in Europa begraben. Im Juli 1995 ermordeten hier während der letzten Monate des Bosnienkrieges serbische Truppen in und um Srebrenica mehr als 8000 bosniakische Jungen und Männer.

Wir, das sind 20 Teilnehmende einer christlich-muslimischen Reisegruppe der Evangelischen Kirche im Rheinland, vier Muslime und 16 Christen, alles Personen, die im christlich-islamischen Dialog aktiv sind. Wir wollen uns auf unserem Kurztrip nach Bosnien-Herzegowina über den dortigen Stand der interreligiösen Beziehungen informieren. Dieser Teil unserer Reise ist sicher der schwerste – uns erinnert Srebrenica an Auschwitz, Theresienstadt oder Katyn.

Die aktuelle Lage (Einflussnahme Russlands und der USA)
31 Jahre nach dem furchtbaren Bosnienkrieg ist der westliche Balkan und besonders Bosnien-Herzegowina erneut in den Schlagzeilen. Bosnien Herzegowina, bestehend aus der Teilrepublik Srpska und der Föderation aus Bosnien und Herzegowina, ist durch die Einflussnahme Russlands und jüngst Präsident Trumps Schwiegersohn, Jared Kushner erneut ins Wanken geraten. In Bosnien, wo die meisten Opfer der Balkan- oder Jugoslawienkriege zu beklagen waren, profitieren jetzt die serbischen Nationalisten von dieser Entwicklung. Einer von ihnen ist der ehemalige, langjährige Präsident Milorad Dodik der serbischen Teilrepublik Srpska, die neben der Föderation Bosnien und Herzegowina ebenfalls zu Bosnien-Herzegowina gehört. Nachdem er zuletzt auch mit Waffengewalt gedroht hatte, wurde er im vergangenen Jahr vom Verfassungsgericht des Landes abgesetzt. Doch sein Einfluss wirkt weiter fort und wird von der größeren Republik Serbien unterstützt, so wie jetzt von Angehörigen des Trump-Clans und vom russischen Präsidenten Putin schon vor ihm.

Rücktritt des Hohen Repräsentanten
Nun hat nach fünf Jahren im Amt der Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, Christian Schmidt, auf Druck der Trump-Administration seinen Rücktritt erklärt, verbleibt aber solange im Amt, bis ein Nachfolger/in gefunden ist. Eigentlich soll der hohe Repräsentant über die Einhaltung des Friedensabkommens von Dayton im Jahr 1995 wachen und die drei Hauptvolksgruppen Bosniaken, Kroaten und Serben dazu bringen, einen funktionierenden einheitlichen Staat aufzubauen. Das dies bisher nicht besonders gut gelungen ist, liegt zum einen an dem komplexen Regierungssystem, das für jede der drei Volksgruppen eigene Regierungen und Administrationen vorsieht, die sich de facto aber gegenseitig blockieren statt zu kooperieren. Der Rücktritt von Christian Schmidt macht deutlich, wie schwierig eine einvernehmliche Lösung ist und ist bezeichnend für das Ringen der Völker des Westbalkans aber um Demokratie, Freiheit und nationale Selbstbestimmung.

Srebrenica, Potočari – Ort des Schreckens
Die Vertreibung der Bosniaken und die Errichtung einer rein serbischen Volksrepublik strebte vor über dreißig Jahren auch der bosnisch-serbische Nationalist Radovan Karadcic an und löste damit den schlimmsten Krieg im ehemaligen Jugoslawien aus, dessen Opfer auf dem Friedhof in Potočari begraben sind und wir stehen. Die Gewalt und enorme das Leid, das damit über das Land und die Menschen gebracht wurden, ist im Srebrenica-Dokumentationszentrum auf einem ehemaligen Fabrikgelände auch heute noch deutlich zu sehen und zu spüren. Dort waren während des letzten Krieges einst die leicht bewaffnet niederländischen Blauhelmsoldaten stationiert, die die UN-Schutzzone Srebrenica schützen sollten. Doch angesichts der Übermacht der serbischen Truppen und ohne Luftunterstützung der NATO kapitulierten die Niederländer und zogen sich damals zurück. Der serbische General Ratko Mladic zog mit seinen Truppen triumphal in die Stadt ein und die Niederländer mussten tatenlos abziehen.

Das alles ist in einem knapp halbstündigen Film sehen, den uns die Leiterin des Dokumentationszentrums vorführt. Aufnehmen und namentlich nennen dürfen wir sie nicht. Die Filmvorführung im Dokumentationszentrum endet mit Aufnahmen von Exekutionen – Bildern, die sich im Kopf festhaken und deshalb von manchen in unserer Gruppe nicht angeschaut werden können.

Wasserkanister und Glastisch mit Dutzenden von Schuhen. Ausstellungsobjekte im Dokumentationszentrum

Danach betreten wir die Ausstellung, die den sogenannten „Todesmarsch“ von tausenden von Männern und Jungen von Srebrenica in die freie Zone Tuzla, dokumentiert. Drei Tage lang schlugen sich die Menschen durch Wälder und Berge, um den auf sie Jagd machenden Verfolgern zu entkommen. Auch hier zeigt ein Video das Ausmaß der Gewalt und der Verzweiflung.

Lebendige Geschichte und eigenes Erleben
„Das ist mein Schwiegervater“, sagt die Dokumentations-Leiterin plötzlich an einer Stelle des Films und deutet auf einen älteren Mann, der am Rande des Bildschirms zu sehen ist und mit hunderten anderen einen Bergweg hinaufsteigt. Schnell ist er aus dem Bild verschwunden und ich frage mich, während wir durch die Ausstellung gehen, wie hält diese Frau es aus, Tag für Tag sich diese Bilder anzuschauen. Immer wieder aufs Neue mit dem Leid konfrontiert zu werden. Ihr Schwiegervater, so erzählt sie, sei auf dem Marsch gestorben, ihr Ehemann, sein Sohn habe dagegen überlebt, sagt sie mit einem feinen Lächeln. Aber er leide bis heute daran, dass er und sein Vater getrennt worden seien und nur er mit dem Leben davongekommen sei.

Anschließend wenden wir uns den ausgestellten Objekten zu. Auf einem ca. 20 m langen Glastisch sind Dutzende von Schuhen ausgebreitet, die Toten abgenommen wurden. Zermalmt, grotesk verbogen und zerrissen liegen sie dort wie abstrakte Kunstobjekte. In einem Glaskasten hängt das Hemd eines Überlebenden. In einem anderen steht ein Wasserkanister mit einer Aufschrift, die ihn als humanitäres Hilfsgut der Europäischen Union ausweist. Ein Kassetten-Rekorder, der mit Handkurbel betrieben wurde, sieht aus wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Waffen hängen unter der Decke.

In der Halle ist es eiskalt und mir wird immer kälter. Ich muss raus. Draußen schien eben noch so schön warm die Sonne. Drei meiner Mitreisenden haben den gleichen Gedanken. Eiligen Schrittes verlassen wir die Hallen und treten nach draußen in die Wärme. Sichtlich mitgenommen. Wir brauchen ein paar Minuten, bis die Sonne uns wieder aufgewärmt hat und wir wieder Worte finden.

Der Friedhof – Ort der Stille und des Gedenkens und der Inspiration


Gedenktafeln und Brunnen. Foto. Jörgen Klußmann

Auf der anderen des Dokumentationszentrum, getrennt durch eine Schnellstraße, befindet sich der Friedhof der Opfer des Massakers. Von Zeit zu Zeit fährt ein einsames Auto vorbei und stört die Stille. Von außen wirkt das Areal, das der Friedhof bedeckt, klein. Doch als wir ihn betreten und vorbei an einem Brunnen zu den Gedenktafeln schreiten und die Hänge mit den Tausenden weißen Grabstelen erblicken, begreifen wir erst das wahre Ausmaß des Massakers. Wohin man schaut, sind nur die Grabstelen zu sehen. Sanft plätschert ein Brunnen. Das Geräusch des fließenden Wassers ist Labsal für die Seele.

Einer, der das Grauen überlebt hat, ist Hassan Hasanovic. Während der Belagerung und Eroberung Srebrenicas war er ein junger Mann von vielen, die versuchten, nach Tuzla zu entkommen. Er hatte sich mit seinem Bruder aufgemacht, um dem Töten zu entfliehen. Doch nur Hassan Hassanovic schaffte es. Weil er den Leichnam seines Bruders nicht zurücklassen konnte, trug er ihn die letzten 27 km bis er in Sicherheit war. Seine Erlebnisse verarbeitete Hassan in dem Buch „Srebrenica – kein Vergessen – kein Vergeben – der Bericht eines Überlebenden“, das erst 2021 erschien. Nun stehen wir mit Hassan Hassanovic, dessen Nachname allein drei Reihen der Gedenktafeln mit den Namen der Opfer füllt, zusammen unter dem Dach der nach allen Seiten offenen Moschee im Zentrum des Friedhofs.

Hassan Hasanovic im Kreis der Delegation
Hassan Hassanovic (3. von links)

Hassan ist hager und wirkt ausgemergelt. Seine hohlen Wangen sind von einem schütteren Bart bedeckt. Man sieht dem Mann an, dass er es nicht leicht gehabt hat in seinem Leben. Und dennoch ist sein Blick klar und seine Stimme ruhig, als er von seinen Erlebnissen spricht und was ihn dazu veranlasst hat, das Gedenken weiter hoch zu halten.

Glaube hilft Leid und Schmerz in Kraft und Inspiration zu verwandeln
Es ist eine ganz persönliche Geschichte, die er erzählt. Wie er als Soldat in der bosniakischen Armee kämpft und wie er seiner Mutter verspricht, als die Männer von den Frauen und Kindern getrennt werden, dass er sich und seinen Bruder in Sicherheit und außer Gefahr bringen wird. Als sein Bruder dann durch einen Granatsplitter getroffen wird und schließlich stirbt, versucht er das Versprechen dennoch einzulösen, indem er zumindest dessen Leichnam mit nach Tuzla bringt. Ich stelle ihm die Frage, die ich zuvor der Leiterin des Dokumentationszentrums fragen wollte: Wie schafft er es über all die Jahre, sich mit der Erinnerung an das Grauen so intensiv auseinanderzusetzen und immer wieder an den Ort des Verbrechens zurückzukehren?

Es sei sein Glaube, der ihm dabei helfe, sich dieser Herausforderung zu stellen und mit dem Leid umzugehen. Es habe aber lange gedauert, bis er sich entschlossen habe, hier an das Massaker zu erinnern und das Buch zu schreiben und dafür zu sorgen, dass die Welt nicht vergisst, was hier geschehen ist. Aus der Gruppe fragen andere danach, wie er damit umgeht, dass hier noch Opfer und Täter so nahe beieinander lebten. Auch hier nickt Hassan und spricht mit ruhiger Stimme darüber, dass auch er einige der Täter kenne, die hier völlig unbehelligt lebten. Einige von ihnen seien bis heute unbelehrbar und verhielten sich uneinsichtig und sogar immer noch feindselig. Andere hätten sich bei ihm oder seinen überlebenden Nachbarn, Freunden und Verwandten persönlich für ihre Taten entschuldigt. Der Krieg und woran sich jeder dabei erinnere sei eine sehr persönliche schmerzvolle Angelegenheit und falle bei jedem anders aus, sagt Hassan. Deswegen könne auch nicht jeder den Mut und die Größe aufbringen, sich bei den Opfern zu entschuldigen. Und auch nicht jedes der Opfer wäre bereit, den Tätern zu vergeben.

Der alljährliche Friedensmarsch als Mahnung für ein vereintes Europa
Jedes Jahr vom 8. bis zum 10. Juli findet hier der sogenannte „Friedensmarsch “ statt, der von Tuzla aus startet und den umgekehrten 100 km langen Weg des Todesmarsches bis nach Potočari zur Gedenkstätte folgt. Am 11. Juli, dem Gedenktag für Srebrenica werden dann die Überreste der Opfer des Völkermords, die immer noch gefunden werden, in Anwesenheit der Teilnehmer des Friedensmarsches und internationalen Vertretern dort beigesetzt.

Srebrenica erinnert uns daran, wie fragil der Frieden inzwischen auch in Europa geworden ist und welches Leid jeder Krieg über die Menschen bringt. Damit nicht dasselbe wie in der Ukraine passiert, dürfen wir nicht vergessen, wie fragil der Westbalkan und Frieden in Europa immer noch ist. Die Initiative von Merz und Macron und der EU den Prozess mit dem Beitritt Montenegros zu beschleunigen, ist daher ausdrücklich zu begrüßen.

 

Historische Informationen im Überblick

Mittelalterliches Königreich
12.–15. Jahrhundert

Bosnien entwickelt sich zu einem eigenständigen Fürstentum (Banat) und im 14. Jahrhundert unter König Tvrtko I. zum mächtigsten Königreich der Region. Neben Katholiken und Orthodoxen existiert die eigenständige, oft als häretisch verfolgte Bosnische Kirche.

Osmanische Herrschaft
1463–1878

Nach der Eroberung durch die Osmanen konvertiert ein Großteil der slawischen Bevölkerung zum Islam – die Entstehung der heutigen Bosniaken. Sarajevo wird zu einem florierenden Handelszentrum. Das Land bildet die westlichste Grenze des Osmanischen Reiches.

Österreichisch-Ungarische Epoche
1878–1918

Der Berliner Kongress spricht Bosnien der Habsburgermonarchie zu (Annexion 1908). Es folgt eine rasche Industrialisierung und Modernisierung. 1914 löst das Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand den Ersten Weltkrieg aus.

Jugoslawische Ära
1918–1992

Nach dem Zusammenbruch Habsburgs wird Bosnien Teil des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird es unter Tito eine der sechs Teilrepubliken des sozialistischen Jugoslawiens – geschätzt als „Jugoslawien im Kleinen“ aufgrund seiner ethnischen Vielfalt.

Unabhängigkeit und Krieg
1992–1995

Mit dem Zerfall Jugoslawiens erklärt sich Bosnien-Herzegowina nach einem Referendum am 1. März 1992 für unabhängig. Es folgt ein verheerender dreijähriger Krieg zwischen Bosniaken, Serben und Kroaten, der durch das Abkommen von Dayton (1995) beendet wird.

 

 

  • Red
  • Red